Martin Schulz auf Tour in Franken

11. September 2017

Wie Martin Schulz Bambergs rote Seite rauskitzelt

„Bischof, Barock und Bier“ – diese drei „B“ stehen für die oberfränkische Stadt Bamberg. Kein leichtes Pflaster für einen Auftritt von SPD-Kanzlerkandiat Martin Schulz möchte man meinen. Doch seit Freitag gibt es einen Begriff mehr, mit dem Bamberg verbunden wird: „soziale Gerechtigkeit“.

Franken sind nicht dafür bekannt, besonders überschwänglich zu reagieren, wenn sie positiv über ein Geschehen urteilen. Wenn sie nach einer Verstanstaltung davon sprechen, beseelt nachhause zu gehen, hat dies also etwas zu bedeuten. Am Maxplatz im Herzen von Bamberg dominierte am frühren Freitagabend die Farbe Rot. An sich nichts Ungewöhnliches, schließlich ist Rot die Farbe der „Brose Baskets“. Doch dort, wo sonst die erfolgreichen Basketballspieler aus der Domstadt ihre Meisterschaften feiern, machte Martin Schulz Halt auf seiner Wahlkampftour durch Deutschland.

Ein Kanzlerkandidat in Bamberg – ein seltenes Erlebnis

Bereits seit dem frühen Nachmittag verwandelte sich der Marktplatz im Herzen der 75.000-Einwohner-Stadt zu einem Familien-Mekka mit Hüpfburg, Kinderschminken, Bratwurst und Rotbier. Für die Bamberger war es etwas Besonderes und eine Wertschätzung. Es sei schließlich ein seltenes Erlebnis, dass ein Spitzenkandidat einer der beiden großen Volksparteien zur Wahlkampfzeit die Stadt besuche, so der Tenor.

Als sich gegen 18 Uhr schließlich der SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat durch die rund 2000 Zuschauer den Weg zur Bühne bahnt, ist der Applaus zunächst noch fränkisch zurückhaltend. Doch das ändert sich, je mehr Martin Schulz in Fahrt kommt. Mit seinen Themen trifft er sichtlich den Nerv der Bamberger. Immer wieder brandet Beifall auf, der im Laufe der rund einstündigen Rede kontinuierlich zunimmt. Selbst Matthias, der sich eigentlich eher dem konservativen Lager zurechnet, und mehr zufällig während des Wochenendeinkaufs den Schulz-Auftritt verfolgt, zollt schnell Respekt: So angriffslustig wie ihn, hätte er auch die Spitzenkandidatin seiner bevorzugten Partei gerne einmal gesehen, sagt er.

Martin Schulz kämpft, ackert und scherzt

Martin Schulz spricht die Menschen vor ihm an, die Krankenschwester, den Busfahrer, die Väter und Mütter, die Studenten. Seine klare Position für unbefristete und tariflich bezahlte Arbeitsplätze, für die Einführung einer Bürgerversicherung oder für kostenfreie Kita-Plätze überzeugt. Er kämpft, er ackert, er scherzt. Er trifft den richtigen Ton. Mehrmals geht er die Kanzlerin und die Union direkt an, nennt Angela Merkel ein gutes Dutzend Mal direkt beim Namen. Er wirft ihr vor, wichtige Entscheidungen für die Zukunft zu blockieren, eine Verschärfung der Mitpreisbremse genauso wie Lohngerechtigkeit für alle, vor allem für Mann und Frau.

Und dann kommt er auf das TV-Duell zu sprechen. Schulz setzt den Begriff hörbar in Anführungszeichen und fordert die Kanzlerin auf, sich noch einmal „am besten gleich morgen“, einem echten Duell zu stellen und über das zu diskutieren, was am vergangenen Sonntag ausgeklammert worden war. Der Maxplatz tobt, als hätten die Brose Baskets erneut die Meisterschaft gewonnen. „Es ist beschämend, dass die Bundeskanzlerin von einem modernen Deutschland spricht und dabei vergisst, dass die Breitbandversorgung in Chile oder Mexiko besser ist als hierzulande und man in Peru weniger oft mit seinem Handy in ein Funkloch gerät als hier“, gibt der SPD-Kanzlerkandidat zu bedenken.

Martin Schulz: „Lasst euch nicht einschläfern!“

Mehr Investition in die Bildung und den Ausbau der modernen Infrastruktur, anstelle einer „Aufrüstung der Bundeswehr“, wie sie von Angela Merkel betrieben werde – sogar Matthias nickt anerkennend. „Es scheint, als gäbe es am 24. September doch eine Wahl mit echten Alternativen“, lautet sein Fazit nach Schulz‘ Auftritt. Der gibt den Bambergern noch etwas anderes mit auf den Weg: „Lasst Euch nicht einschläfern. Erzählt, was Ihr heute Abend gehört habt. Diskutiert in der Familie darüber, mit Bekannten und am Arbeitsplatz. Wir brauchen die Debatte, davon lebt unsere Demokratie.“

„Der bringt doch neuen Schwung ins Land“, „Endlich klare Kante, statt inhaltsloses Geschwafel“ – die Diskussion, die Schulz eben noch gefordert hat, führen viele Zuschauer bereits, als sie den Heimweg antreten. Er habe sich keine Sekunde gelangweilt und gehe beseelt nachhause, sagt Bambergs Dritter Bürgermeister, SPD-Stadtrat Wolfgang Metzner. Und dann fällt es doch noch, das größte aller fränkischen Komplimente: „Der Martin, der bassd scho“. Ausgesprochen wird es nicht von irgendwem, sondern von Matthias, dem Konservativen. Bamberg, das wurde durch den Auftritt von Martin Schulz deutlich, ist nicht nur konservativ und katholisch geprägt. Bamberg hat auch eine rote Seite, nicht nur beim Basketball.

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